Untertagblues

Untertagblues von Peter Handke im Akademietheater: Teilweise hat mich diese Beschimpfungstirade an die Publikumsbeschimpfung erinnert, teilweise ein bisschen an mich selbst. Und genau das soll dieses Stück auch bewirken: Ein Nachdenken darüber, ob man nicht selbst in der Masse der "Mitfahrer" mitfährt (deshalb auch der Spiegel für das Publikum, der das Gefühl der Masse gibt) - und darüber, ob nicht jeder an manchen Tagen derart genervt von allen und allem ist, dass er am liebsten alleine unterwegs wäre. Wie still es dann wird - und irgendwann spielt nur noch das Heimorgelorchester...
Ein Wilder Mann ist mit der Untergrundbahn unterwegs, er geht im Waggon auf und ab oder hält sich im Gedränge an einer Haltestange fest. Seine Seelenlage ist nicht einfach nur angespannt, nein: hochexplosiv. Mindestens. Wer immer da neben ihm steht oder ein- und aussteigt in den vielen Stationen von Peripherie zu Peripherie einer Metropole - alle Mitfahrer steigern nur seine Wut, sie ekeln ihn an. Besser, er wäre zu Hause geblieben. Aber warum er? "Nein, ihr gehört nach Hause, ihr. Warum bleibt ihr nicht endlich einmal vollzählig und ganztägig in euren Löchern und Unterschlupfen?" Der Weltekel des Wilden Mannes ist allumfassend, nichts als Scheinleben, Verlogenheit und Hässlichkeit um sich herum nimmt er wahr, und immer mehr redet er sich in Rage, wirkt angsteinflößend und komisch zugleich. Er erfindet den einzelnen Passagieren Geschichten, die unversehens zu Beschimpfungen werden; er liest ihnen die Leviten ... bis eine Zusteigende ihn zum Schweigen bringt und den Konterpart gibt, ohne daß er noch einmal zu Wort kommt.
älva - 18. Oktober, 15:24




